Ein Barcamp im April. Wir – ungefähr 65 Selbstständige und Unternehmerinnen – befinden uns in einem Kloster in Horb am Neckar. Unser Workshopraum liegt hoch oben und es sieht hier ein bisschen wie in Rapunzels Turmzimmer aus. Wer aus dem kleinen Fenster blickt, sieht sogar auf eine Ranke, die sich langsam, hartnäckig, die gegenüberliegende Mauer hocharbeitet. Passt perfekt, denke ich, denn wir sitzen an einem Ort, der selbst schon erzählt.
Umgeben von diesen dicken, geschichtsträchtigen Mauern gebe ich meinen Workshop, „Neue Brillen, mit denen du (d)eine Storys erzählst“. Ausgeschrieben ist er als „Workshop für Business-Storytelling“, doch im Prinzip ist er nichts anderes als eine Kreative Schreibwerkstatt. Zwölf Teilnehmende sitzen um mich herum, alle Expertinnen auf ihrem Gebiet. Da gibt es SEO-Bloggerinnen, Coaches für verschiedene Business- und Lebensphasen, eine Seifensiederin … Aber es gibt keine Romanautorinnen und Dichterinnen. Alle waren zum Workshop mit den „neuen Brillen“ gekommen, und saßen nun ein bisschen neugierig, ein bisschen skeptisch im Stuhlkreis und fragten sich, ob das wirklich etwas für sie ist.
Spoiler: Es war etwas für sie.
Ist kreatives Schreiben etwas für dich, wenn du Angebote schreibst?
Der härteste Einwand, der immer kommt, wenn ich „Kreatives Schreiben“ oder „Schreibwerkstatt“ sage: „Kreatives Schreiben ist doch nichts für mich. Ich schreibe Angebote, Berichte, E-Mails. Kein Kram, bei dem Fantasie gefragt ist.“ Oder: „Meine Branche ist viel zu technisch / zu seriös / zu komplex (…) für Storytelling.“
Ich höre diese Einwände oft, und das unabhängig von Arbeitsumfeld und Branche. Von Maschinenbauern, Pflegekräften, IT-Menschen, Unternehmensberaterinnen, Bürgermeistern … Und ich verstehe sie. Wer nicht gerade hauptberuflich Romane schreibt, glaubt oft, dass Schreibwerkstätten irgendwo zwischen Elfenbeinturm und Therapiegruppe angesiedelt sind, sozusagen weit weg vom echten Berufsleben. Aber genau das ist der Irrtum, denn kreatives „Um-die-Ecke-Denken“ ist so wichtig, wenn wir wirklich etwas Neues schreiben wollen. Und genau das macht man in …? Richtig: einer kreativen Schreibwerkstatt! 😉
Was eine völlig absurde Schreibaufgabe einmal über mich und mein Business hervorgebracht hat, erfährst du in der Pasta-Story.
Was du in einer Schreibwerkstatt wirklich übst
Pasta kochen … Nein, Scherz! Eine gute Schreibübung macht nichts anderes, als dein Gehirn aus dem Autopiloten zu holen. Du schreibst aus einer ungewohnten Perspektive, du schlüpfst in eine Figur, du beschreibst eine Szene so konkret, dass sie jemand anderes vor Augen sehen kann, will sagen:
Du verlässt gewohnte Wege und schaffst Neues:
- Wer gelernt hat, aus einer ungewöhnlichen Perspektive zu erzählen, findet neue Blickwinkel für die Kundenkommunikation.
- Wer übt, in kurze Szenen einzutauchen, schreibt bessere Social-Media-Posts.
- Wer lernt, Figuren zum Leben zu erwecken, kann Zielgruppen-Personas plötzlich viel lebendiger skizzieren.
- Und wer die Komfortzone des sachlichen Schreibens einmal verlässt, wird freier, mutiger, überraschender – auch in der nächsten Präsentation, dem nächsten Angebot, dem nächsten Blogartikel.
Du wirst nicht mehr zufällig kreativ, sondern übst dich darin:
Stell dir deine Kreativität oder deinen Erzählskill wie einen Muskel vor. Muskeln wachsen nur, wenn man sie auch mal ungewohnt beansprucht. Genau das ist auch der Kern meiner Flex-to-Tell-Methode erst in Bewegung kommen, dann ins Erzählen – und dabei die eigene, unverwechselbare Stimme finden. Bewegung für Körper und Hirn kommt in meinen Business-Storytelling Trainings genauso vor wie in meinen Schreibwerkstätten für Autorinnen und Autoren, weil es Sinn macht.
Neue Brillen aufsetzen und plötzlich alles anders sehen
Die Übung aus Horb funktioniert in drei Schritten, und sie ist so simpel, dass viele das anfangs nicht glauben:
- Erstens suchst du dir ein Fundstück – irgendeinen Ort oder ein Ding aus deinem Umfeld.
- Dann setzt du dir eine Brille auf, das heißt, du wählst eine Perspektive: Wessen Augen schaust du durch?
- Und dann erzählst du deine Story in Stichpunkten, einfach drauflos. Ausgearbeitet wird später.
Das war alles. Kein Theorievortrag, keine Anleitung, wie man „richtig“ schreibt, kein stundenlanges Abarbeiten von „Heldenreise-Checkpoints“.
Was dann in Horb passierte, hat mich mal wieder selbst überrascht. Niemand sagte „och nö, ist mir zu blöd.“ Alle fingen sofort an, kreativ um die Ecke zu denken, und kamen ins Erzählen.
Drei Beispiele, die mir bis heute nicht aus dem Kopf gehen:
- Eine Familiencoachin zog beim Beobachten ihres Alltags einen alten Schlüsselanhänger ohne Schlüssel aus ihrer Tasche, der jahrelang stumm darin geschlummert hatte. Für sie wurde er zum Symbol für ein ungeborenes Kind und damit zum Herzstück einer Story über ihre Arbeit, die wirklich unter die Haut geht.
- Eine weitere Teilnehmerin schaute sich im Raum um und bemerkte den Notausgang hinter ihrem Rücken. Ihr Gedanke: Genau so geht es manchen ihrer Klientinnen. Sie haben den Ausweg direkt hinter sich, aber sie drehen sich nicht um. Der Notausgang sagt: „Hallo, ich bin da. Siehst du mich nicht?“ Er ist eine prima Metapher für ihre Coaching-Arbeit, die wir alle so nicht hätten erfinden können.
- Und die SEO-Expertin im Raum fragte sich: Was wäre, wenn ein Keyword selbst über Suchmaschinenoptimierung sprechen könnte? Aus dessen Perspektive? Ich sage nur: Der Text wäre brillant geworden.
Drei Menschen, drei völlig unterschiedliche Branchen – und alle haben in wenigen Minuten eine Geschichte gefunden, die zu ihnen passt. Sie haben nun eine Story, die ihre Kunden berührt und ihre Expertise zeigt, ohne ein einziges Mal nichtssagende Worthülsen, wie „gut aufgestellt“ oder „ganzheitlich“ zu schreiben.
Magst du jeden Mittwoch eine Geschichte in deinem Postfach?
Präsenzseminar oder Online-Kurs? Was den Unterschied ausmacht
Schau dir noch einmal die drei Beispiele an und die ganze Umgebung an. Die Ranke am Klosterfenster, der Notausgang hinter dem Rücken, der Schlüsselanhänger in der Tasche. All das sind Fundstücke, die nur auftauchen, weil die Teilnehmenden wirklich irgendwo waren. In einem Raum mit Geschichte, Ecken und Dingen, die man zufällig entdeckt, wenn man sich umschaut.
Online hättest du in deinem Arbeitszimmer oder am Küchentisch gesessen. Du wärst vielleicht auf deinen Bildschirmhintergrund und deinen Kaffeebecher gestoßen und hättest eventuell noch dein Regal im Zimmer durchforstet. Auch das kann funktionieren, aber die Dichte an möglichen Fundstücken, das zufällige Sehen, das Stolpern über etwas, das du nicht gesucht hast – das gelingt im selben Raum mit anderen Menschen zusammen noch viel besser. Denn es ist ja nicht nur der unbekannte Raum, der inspiriert, sondern auch die Gruppe.
Was mich in Horb besonders überrascht hat: Alle legten sofort los. Kein Zögern, kein „Moment, ich muss kurz überlegen.“ Alle ließen sich auf das Spielen und Ausprobieren ein und hatten riesigen Spaß dabei – auch auf die lustige Scheitern-Art. Und was nach dem Workshop passierte, fand ich fast noch schöner: Die Teilnehmenden ließen die Aufgabe nicht los. Sie sahen plötzlich überall Fundstücke. Ein Gegenstand auf dem Schreibtisch. Ein Schild auf der Straße. Eine Geste in der nächsten Session … Die „andere Brille“ bleibt nämlich auf der Nase, wenn man sie mal aufgesetzt hat – und das Erzählen hört nicht auf.
Online-Workshops haben ihren Charme, das will ich gar nicht kleinreden. Ich mache selbst ab und zu digitale Sessions und schätze sie. Aber wenn die Stifte kratzen, die Tastaturen klicken, zwischendurch jemand vorliest, sein Ergebnis teilt und man das Kribbeln spürt, das entsteht, wenn eine Gruppe gemeinsam in eine Geschichte eintaucht … Das lässt sich nicht per Bildschirm kopieren. Das direkte Erleben samt dem Feedback in Echtzeit mit Augenkontakt hat nochmal eine ganz andere Qualität. Und die besten Fundstücke findest du nun mal draußen in der Welt, nicht vor dem Laptop!

Komm vorbei – oder hol mich zu dir
Meine kreativen Schreibwerkstätten finden jeden 3. Mittwoch im Monat im Kulturcafé Mering statt. Von 18 bis 20 Uhr, mit sehr gutem Kaffee und ohne Elfenbeinturm.
Ab Herbst gibt es sie auch in der Stadtbücherei Gersthofen. Dann sind sie als Kurse über die VHS Augsburg-Land buchbar für alle, die noch mehr Übungen und Anregungen möchten und es ein bisschen strukturierter angehen wollen.
Ein Workshop für deine Zwecke, vielleicht business-orientierter, zugeschnitten auf deine Branche: Du hast eine Gruppe, ein Team, einen Verein? Dann komme ich ab 9 Personen und einem Raum auch zu euch. Firmenevent, Workshop-Reihe oder Vereinsabend – schreib mir einfach.
Alle meine Termine zusammen findest du auf manuelakraemer.de/termine.



Mega gut geschrieben mit Kumpel Claude! Als hätte ich in Horb mit im Workshop gesessen … beim nächsten Mal bin ich dabei.
LG Beate