Beispiele von Blackout Poetry: Bücherseiten mit geschwärzten Zeilen, daneben Stifte.

Blackout Poetry: Lösche Wörter, finde deine Stimme

In meiner nächsten Schreibwerkstatt möchte ich Blackout Poetry ausprobieren. Doch selbst habe ich es noch nie gemacht!? Geht gar nicht! Ich starte also einen Selbstversuch, aber gelingt es mir, aus einer Buchseite einen eigenen Text entstehen zu lassen? Wird das Poesie oder kann das weg? Und überhaupt Buchseite … Kann ich, La Storytella, Liebhaberin von gebundenen Werken und Buchsammlerin aus einem Buch eine Seite herausreißen?

Spoiler: Ja ich kann. Sogar aus einem bestimmten Buch. Aus Gründen.

Das Wichtigste in Kürze:

– Blackout Poetry ist eine kreative Schreibtechnik: Du schwärzt die meisten Wörter einer Buchseite und lässt nur wenige stehen. Diese ergeben dann einen neuen Text – vielleicht sogar ein sehr starkes Stück Poesie.

– Die Wurzeln der Technik reichen bis ins 18. Jahrhundert zurück, denn sie stammt aus der literarischen Tradition der Erasure Poetry (Auslöschungspoesie).

– Als moderne Kunstform bekannt gemacht hat sie der US-amerikanische Autor Austin Kleon mit seinem Buch „Newspaper Blackout“ von 2010.

– In meinem Selbstversuch mit vier Buchseiten aus einem üblen Splatter-Roman hat mich überrascht, wie schnell aus Horror echte Poesie wurde.

– Blackout Poetry ist auch fürs Business Storytelling spannend, denn mit derselben Technik lassen sich Firmen- oder Branchentexte auf ihren Kern reduzieren.

Lies hier, was Blackout Poetry ist, was sie kann und schau dir meinen Selbstversuch an.

Zu meinen Versuchen kam jetzt auch Lily Magdalens Blogparade „Blackout Poetry – die Verschmelzung von Kreativität & Intuition” wie gerufen. Zufall? Ja, diese Blogparade ist mir regelrecht zugefallen – danke Lily!

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Was ist Blackout Poetry?

Blackout Poetry ist eine kreative Schreibtechnik, bei der du eine Buchseite nimmst, sie liest oder nur kurz überfliegst und dann einzelne Wörter markierst, die dich intuitiv ansprechen. Dann überstreichst du den Rest in dunkler Farbe. Am schnellsten geht das mit einem Edding. Die übrig gebliebenen Wörter ergeben einen eigenen poetischen Text. Zum Schwärzen kannst du auch Wachsmalstifte oder Wasserfarben nehmen oder die Seite später noch mit Collagen versehen.

Genau das habe ich ausprobiert – erst allein mit einer alten Buchseite, und Mitte August in meiner Schreibwerkstatt im Kulturcafé Mering.

Blackout-Poetry-Anleitung in Kurzform:

  • Buchseite nehmen,
  • Wörter markieren,
  • Rest schwärzen.
  • Leg los, das macht Spaß!

Woher kommt diese kreative Technik?

Die Wurzeln von Blackout Poetry reichen bis ins 18. Jahrhundert zurück, denn die kreative Technik, ein neues Gedicht aus stehengebliebenen Wörtern eines längeren Textes zu schaffen, stammt aus der literarischen Tradition der Erasure Poetry (Auslöschungspoesie).
Seit einigen Jahren boomt diese Kunst wieder. Das verdanken wir dem US-amerikanischen Autor und Künstler Austin Kleon, der die kreative Schreibtechnik mit seinem Buch Newspaper Blackout von 2010 wieder bekannt und beliebt gemacht hat.

Gelingt mir Poetisches aus einer Horrorstory?

Zurück zum Selbstversuch. Ich reiße bewusst wahllos eine Seite nach der anderen heraus. Da ich die Story nicht noch einmal lesen mag, weil mich der Inhalt abstößt, überfliege ich die erste Seite nur. Erst in einem späteren Versuch traue ich mich zu lesen. Texte durchlesen oder überfliegen, was ist besser? Ich würde sagen: Probiere einfach beides aus und entscheide, womit es besser läuft. Viel wichtiger ist, dass dein Verstand nicht übernimmt, denn so schaffst du keine Kunst, sondern nur Kunsthandwerk.

Lass deiner Intuition freien Lauf, freue dich, wenn du ins Assoziieren kommst. Das erste Wort bestimmt den weiteren Verlauf oder vielleicht eines in der Mitte? Ein zweites Wort bringt vielleicht eine ganz neue Stimmung oder andere Richtung?

Lass alles zu! Es wird Poetisch, glaub mir!

Erster Versuch

Ich wähle heute ein Buch, das ich dieses Jahr gelesen habe und mittendrin aufhören wollte. Die Story interessierte mich, weil es um einen „Monsterologen“ ging, einem Wissenschaftler, der Monster erforschte. Doch leider entpuppte sich die Geschichte als Splatterstory. Blut, Leichenteile und ein Held, der als Figur so dünn gezeichnet war, dass es nur noch traurig war. Dazu ständige Wiederholungen (Blut, Leichenteile, Dialoge), dass ich mich langweilte und gleichzeitig fürchterlich ekelte. So, dieses Buch fleddere ich nun – geschieht ihm recht! Los geht’s mit der ersten Seite, die ich wahllos irgendwo aus der Mitte herausreiße.

geschwärzte Buchseite mit dem Gedicht „Dreiundzwanzig Träumereien"

Beim ersten Versuch lese ich die Seite nicht durch, sondern überfliege nur. Ich markiere gleich das erste Wort, das mich anspricht. Es lautet „dreiundzwanzig“. Interessant. Obwohl ich den Text nur überfliege, gehe ich in unserer Leserart vor, also von links oben bis rechts unten. Mein Verstand fummelt beim ersten Versuch noch ziemlich aktiv mit, finde ich. Semi-optimal. Doch ab der unteren Hälfte des Blattes übernimmt schon die Intuition, denn plötzlich fallen mir Wörter auf, die mit möchten. Dafür streiche ich ein paar „vom Verstand als wertvoll erachtete“ wieder aus.

Dreiundzwanzig Träumereien

erkannte der Doktor.

Und.

Schweigen.

Sein Blick war in die Ferne gewandert.

Für das erste Mal Blackout Poetry nicht schlecht, aber noch viel zu verstandgesteuert, finde ich. Auf jeden Fall mach das Zeilenschwärzen riesigen Spaß! Weiter geht’s …

Zweiter Versuch

Wieder reiße ich wahllos eine Seite heraus und dieses Mal lese ich die Seite durch, bevor … nein. Mitten im Lesen bleibe ich schon an einem Satzteil hängen, in den ich mich verliebe. „Wie ein Käfigvogel“ spricht stark aus mir. Und dann „donnert“ es Poesie in dieser Seite, so stark. Das hätte ich selbst nicht für möglich gehalten, bei diesem scheußlichen Text.

geschwärzte Buchseite mit dem Gedicht „Wie einen Käfigvogel"

KÄFIGVOGEL

Wie einen Käfigvogel

könnte ein Monat vergehen

Freiheit.

Was band mich?

Ein Irrlicht, Furcht,

Unvorhersagbare Furcht.

Ehrfurcht.

Ich überlege, ob ich „Ehrfurcht“ auch schwärzen soll. Denn mit etwas Pause zwischen dem Schaffen erscheint es mir nun zu viel. Soll ich? Ich zücke den Edding.

Dritter Versuch

Das macht Spaß; ich werde mutiger. Wieder nehme ich mir eine Seite vor und wähle. Diesmal reduzierter, kürzer, weniger Worte. Das Streichen wird jetzt meditativ. Rhythmisch streicht der schwarze Edding von links nach rechts. Links, rechts, links, rechts … Zum Ende schrecke ich auf. Nein, das passt nicht. Ich wähle ein anderes Wort, das ich fasst schon ausstreichen wollte. Daher fehlt das halbe e von „erfüllt“.

Links der alte Text, rechts der neue. Statt „ich starrte zurück.“ nun das positivere „erfüllt“. Mission acomplished! Wow, aus einer besonders eklig-splatterigen Passage der Story wird ein warmer, empathischer Text.

ERFÜLLT

Ein Wort kuschelt

An ihrer bloßen Gegenwart.

Merkwürdig.

Erfüllt.

Geht Blackout Poetry auch mit Non-Fiction?

Klar. Hier kommt Versuch 4 mit einem alten Buch aus dem TELOS Verlag, Wissenschaftliche Reihe. 🙂 Ich rupfe wahllos etwas heraus und erwische ausgerechnet eine biblische Abhandlung über die Erde. Na gut, ich versuche es trotzdem. Augen zu (äh, Stift gezückt) und durch!

Blackout Poetry Versuch 4 mit einem Sachbuch: geschwärzte Seite mit dem coolen hebräischen Wort „Ruach"

Ich gebe dem Ding viel Zeit, ich starre aufs Blatt und starre. Nichts „funkt“, denn der biblische Text will einfach nicht bei mir zünden. Doch dann entdecke ich den Satzteil mit den Walfischen und schon läuft es. Ich verliebe mich in das hebräische Wort „ruach“ für Atem. Sprich es mal laut aus: Es klingt selbst wie Atmen oder? Was für eine tolle Lautmalerei!

RUACH!

Als Gott große Walfische schuf

machte der Mensch

.

„RUACH!“

Passt Blackout Poetry im Business Storytelling?

Auf jeden Fall. Allein der kreative Prozess hilft, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren und als Altbekanntem Neues zu schaffen. Im Business Storytelling könnte man mit einem beliebigen Text starten, so wie ich in diesem Selbstversuch. Und dann kann ich mir vorstellen, dass man Blackout Poetry mit bestehenden Firmen- oder Branchentexten macht. Die kann man ja auch

  • auf den Kern reduzieren,
  • Wichtiges hervorheben
  • und neue Botschaften formen.

Ich überlege gerade, ob ich Blackout Poetry in einem der nächsten Business Trainings erstellen lasse. Das könnte episch werden – auf jeden Fall bewegend, ganz passend zu meiner Methode „Flex-to-tell“!

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2 Kommentare zu „Blackout Poetry: Lösche Wörter, finde deine Stimme“

  1. Ich liebe, liebe, liebe deinen Beitrag! Und die Kreativität, Verspieltheit und Poesie deiner „Ergebnisse“ entzückt mich. Wahnsinn!
    Ganz, ganz herzlichen Dank fürs Teilnehmen! Jetzt wäre ich wiederum gerne Teilnehmerin deiner Schreibwerkstatt …
    Viele Grüße
    Lily

    1. Liebe Lily, sehr sehr gerne! Danke für deine Blogparade.

      Zur Schreibwerkstatt: im August in Mering bei Augsburg, ab 6 Personen und einem Raum komme ich auch in deine Nähe. Hoyerswerda, richtig?

      Kreative Grüße
      Manuela

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